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Chinesische Jugend verehrt Madonna

Zwei Wolfsburger Schuler machten Ferien in fernostlicher Provinz

aus: "Wolfsburger Nachrichten", 23. Juni 1997

von Werner Appe

Ein Sch¨¹leraustausch zwischen Deutschland, den europäischen Ländern und den USA ist nichts Außergewöhnliches mehr. Oft kennen die Jugendlichen auch viele Nachbarländer. Doch dass zwei Jungen in den Ferien nach China fliegen, ist noch etwas Besonderes.

Matthias Orth und Stefan Sch¨¹ttler aus Ehmen hatten schon zweimal dieses Gl¨¹ck: Der Stiefvater von Matthias arbeitet im Zentrum der chinesischen Autoindustrie in Changchun bei der Cooperation FAW-VW.

Changchun liegt 90 Kilometer nordöstlich der chinesischen Hauptstadt Peking und ist die Hauptstadt der Provinz Jilin. Von 1933 bis 1945 war die Stadt unter dem Namen Sinking die Hauptstadt des von Japan abhängigen Staates Mandschukuo. Mit mehr als zwei Millionen Einwohnern im Stadtgebiet und weiteren Millionen im Umland gewannen die beiden jungen Wolfsburger einen Eindruck vom Volksreichtum des Riesenreiches im Fernen Osten.

Matthias geht weiterhin in Wolfsburg zur Schule und besuchte seine Eltern in den Osterferien. Wie im Vorjahr nahm er seinen Freund Stefan wieder mit auf die lange Flugreise - zu zweit läßt sich einfach mehr erleben in einem fremden Land. In Peking machten sie Zwischenstation, besichtigten die Große Mauer und die innere, einst ,,Verbotene Stadt". Die Sechsmillionenstadt habe schon viele westliche Bauten, modernste Diskos und sei in puncto moderner Musik bereits auf dem neuesten Stand, berichtet der l6jährige Stefan Sch¨¹ttler.

In Changchun wohnten die Jungen im Haus von Matthias' Eltern. Deren junge Dolmetscherin spricht hervorragend Englisch und recht gut Deutsch. Dadurch fanden die Jungen schnell Kontakt zur chinesischen Jugend.


"Die Verstandigung war oft schwierig"

Von seinen Eindr¨¹cken und Erlebnissen erzählt Stefan, der auch die USA und England schon kennt, nur Positives. Zwar sei die Verständigung oft schwierig gewesen, weil das Schulenglisch der jungen Chinesen nur schwer zu verstehen sei. Sie kamen zumeist mit Studenten der dortigen Universität und Fachhochschulen sowie j¨¹ngeren Sch¨¹lern zusammen, wurden in die Familien zum Essen eingeladen und stellten fest, daß die Wohnungen dort allgemein viel kleiner als hierzulande sind. 50 bis 60 Quadratmeter Wohnfläche seien schon oberer Standard.

Eindruck machte die Mentalität der Chinesen, ihre große Liebensw¨¹rdigkeit und der Wunsch, mit den deutschen Sch¨¹lern zu kommunizieren und viel zu unternehmen. Vor 100 Jahren galten die Europäer noch als ,,weiße Teufel", jetzt w¨¹rden sie zwar auch hin und wieder wegen ihrer blonden Haare noch angestarrt, aber keineswegs mehr feindselig, meinte Stefan.

Oft sehe man die Einwohner in roten und gelben Trainingsanz¨¹gen,aber der Mao-Look scheine passe' zu sein. Es gebe bereits viel westliche Kleidung. Die chinesische K¨¹che sei nicht mit der in den China-Restaurants in Deutschland zu vergleichen. In den Farnilien stehe einer immer in der K¨¹che - oft der besser kochende Vater -und reiche den Gästen und der Familie die zubereiteten Speisen in Schalen, beobachtete der Ehmer, dem alles gut schmeckte.

Es werde nur frische Ware verarbeitet, so Stefan. Jeden Morgen werde deshalb auf dem Markt eingekauft. Als sie in einem Speiserestaurant Aal bestellten, sei ihnen der lebend präsentiert und vor ihren Augen erst geschlachtet und zubereitet worden -zum Beweis der Frische.


"Jeden Tag Basketball gespielt"

Der Tagesablauf der Jungen drehte sich viel um Sport. Morgens wurde im riesengroßen Park der Provinzhauptstadt gejoggt, so wie das viele Chinesen auch tun. Am Vormittag spielten sie auf den Plätzen einer Kaseme zumeist Basketball - auch zu Hause ihr LiebIingssport - und nachmittags trainierten sie im Basketball-Club ,,Jilin Tigers" mit einem Kader von etwa 40 Jugendlichen weiter.

Die Trainingsmethoden seien anders als in Deutschland, es gebe viel mehr Auswahltraining f¨¹r bestimmte Übungen. ,,Wir konnten dabei gut mithalten", sagt Stefan, der das Training als sehr gut bezeichnet. Auch Tischtennis, ein Lieblingssport im ,,Reich der Mitte", konnten die Wolfsburger dort spielen, und auch dabei hätten sie keine schlechte Figur gemacht, befanden sie, sehe man einmal von zwei dortigen Spitzenkönnern ab.

Ob in Changchun auch guter Fußball gespielt wird, konnten sie nicht beobachten. Zwar gebe es ein riesiges Stadion, aber das w¨¹rde wohl mehr f¨¹r Parteiveranstaltungen genutzt. Doch die chinesischen Jugendlichen wollten viel mit ihren fremden Gästen unternehmen, und so fanden sie auch Anschluß an Skater. Als die Deutschen einmal schwimmen wollten, war der Eintritt in das Hallenbad des F¨¹nf-Sterne-Hotels ,,Shangri La" mit umgerechnet 20 Mark zu teuer. In einem anderen Hotel-Hallenbad hielten sie es dann nicht lange aus, die hygienischen Verhältnisse waren ihnen suspekt.

Aber abends ging es dann in die Disko. ,,Die Musik hinkt drei Jahre hinter unseren Charts hinterher, jedenfalls in Changchun. 1996 war ,Go West' gerade in, aber sonst ist alles ziemlich modern", meint Stefan. Die jungen Chinesen verehren Popstars wie Madonna und Michael Jackson. Oft w¨¹rden englische Texte auf Chinesisch umgedichtet. Getanzt werde viel; denn nicht nur der Diskjockey, sondern auch Tanzgruppen auf Podesten animierten die Besucher zum Mitmachen.

Interessant wären die Beobachtungen im Straßenverkehr gewesen. Die meisten Straßen der Millionenstadt seien in einem desolaten Zustand, zu dem gebe es kaum Verkehrsschilder. So w¨¹rde zwar relativ langsam gefahren, aber dennoch komme es zu vielen leichten Unfallen mit Blechschäden. Am besten f¨¹hre man mit den zahlreichen Taxis. Eine Fahrt von etwa zehn Kilometern koste umgerechnet gerade eine Mark. Trotzdem w¨¹rden die privaten Taxifahrer als reiche Leute gelten. Taxizentralen gebe es nicht, berichtet Stefan.

Uberhaupt sei das Leben in China noch billig. Ihre neuen Freunde erzählten ihnen, daß man mit f¨¹nf Yuan, das entspricht etwa einer deutschen Mark, den täglichen Lebensunterhalt durchaus bestreiten könne. Teuer seien dagegen Imponwaren, ,wie etwa die begehrten Nike-Sportschuhe.


"Das Leben auf dem Lande erlebt"

Auch das Leben auf dem Lande lernten die jungen kennen: Die Dörfer seien kleiner als in Deutschland, die Häuser der Bauern im Gegensatz zu den Hochhäusern der Großstädte primitiv aus Ton, Holz und Stroh gebaut. Gekocht werde in Riesenkesseln, und die ganze Familie schlafe in einem riesigen Bett. Die landwirtschaftlichen Erzeugnisse seien hauptsichlich f¨¹r den Eigenbedarf bestimmt. Uherhaupt gebe die Landwirtschaft: auf dem Lande noch ganz und gar den Ton an, so Stefan weiter.

So vergingen die drei Ferienwochen ,wie im Fluge. Auf dem R¨¹ckflug befanden sich dann auch viele Diafilme im Gepäck der beiden Jungen. Viele neue Eindr¨¹cke und Erlebnisse, die so ganz anders waren, als bei einer gef¨¹hrten Reise, und die mitten unter Gleichaltrigen gewonnen wurden, nahmen die beiden jungen Wolfsburger mit auf die Heimreise.